Beschreibung
der Bilche im Quelle:
Thierleben
von Alfred Edmund Brehm, Halle 1864-69
Säugethiere: Zweite Reihe: Krallenthiere: Sechste Ordnung:
Nager (Rodentia): Zweite Familie: Bilche (Myoxina): 1.-3. Sippe
Eine kleine, aus wenig Arten bestehende Familie eichhornartiger
Thiere übergehend, reihen wir den Hörnchen die Bilche
oder Schlafmäuse (Myoxina) an. In Gestalt und Wesen stehen
sie den Eichhörnchen nahe, unterscheiden sich von ihnen aber
bestimmt durch Eigenthümlichkeiten ihres Baues. Sie haben einen
schmalen Kopf mit mehr oder minder spitziger Schnauze, ziemlich
großen Augen und großen nackthäutigen Ohren, gedrungenen
Leib, mäßig lange Gliedmaßen, zart gebaute Füße,
mit vorn vier Zehen und einer plattnageligen Daumenwarze, hinten
fünf Zehen, mittellangen, dicht buschig und zweizeilig behaarten
Schwanz und reichen, weichhaarigen Pelz. Die Vorderzähne sind
vorn flach gerundet, die unteren seitlich zusammengedrückt,
die vier Backenzähne in jedem Kiefer haben deutlich abgesetzte
Zahnwurzeln und zahlreiche, ziemlich regelmäßig sich
abschleifende, mit ihren Schmelzwänden tief in den Zahn eindringende
Querfalten. Der Schädel ähnelt dem der Mäuse mehr
als dem der Eichhörnchen. Die Wirbelsäule enthält
13 rippentragende, 6 wirbellose, 3 Kreuz- und 22 bis 25 Schwanzwirbel.
Der Blinddarm fehlt.

Geripp der Haselmaus und des Gartenschläfers. (Aus dem Berliner
anatomischen Museum.)
Man kennt bis jetzt kaum mehr als ein halbes
Dutzend sicher unterschiedene Arten dieser Familie, sämmtlich
Bewohner der alten Welt. Hügelige und bergige Gegenden und
hier Wälder und Vorwälder, Haine und Gärten sind
ihre Aufenthaltsorte. Sie leben auf und in den Bäumen, seltener
in selbstgegrabenen Erdhöhlen zwischen Baumwurzeln oder in
Fels- und Mauerspalten, unter allen Umständen möglichst
verborgen. Bei weitem die meisten durchschlafen den Tag und gehen
nur während des Morgen- und Abenddunkels ihrer Nahrung nach.
Aus diesem Grunde bekommt man sie selten und bloß zufällig
zu sehen. Wenn sie einmal ausgeschlafen haben, sind sie höchst
bewegliche Thiere. Sie können vortrefflich laufen und noch
besser klettern, nicht aber auch, wie die Hörnchen, besonders
große Sprünge ausführen. In gemäßigten
Gegenden verfallen sie mit Eintritt der kälteren Jahreszeit
in Erstarrung und verbringen den Winter schlafend in ihren Nestern.
Manche häufen sich für diese Zeit Nahrungsvorräthe
auf und zehren von ihnen, wenn sie zeitweilig erwachen; andere bedürfen
dies nicht einmal, da sie vorher sich so gemästet haben, daß
sie von ihrem Fette leben können. Ihre Nahrung besteht in Früchten
und Sämereien aller Art; die meisten nehmen auch Kerbthiere,
Eier und junge Vögel zu sich. Beim Fressen sitzen sie, wie
die Eichhörnchen, auf dem Hintertheile und führen die
Speise mit den Vorderfüßen zum Munde. Einige lieben Geselligkeit
und halten sich wenigstens paarweise zusammen; andere sind äußerst
unverträglich. Das Weibchen wirft während des Sommers
in ein zierliches Nest seine Jungen, gewöhnlich vier bis fünf,
und erzieht sie mit großer Liebe. Jung eingefangen werden
alle Schläfer leidlich zahm; doch dulden sie es nicht gern,
daß man sie berührt, und alt eingefangene lassen sich
dies nie gefallen. Einen irgendwie nennenswerthen Nutzen bringen
die Bilche uns nicht; wohl aber können auch sie durch ihre
Räubereien in Gärten unserem Besitzstande Schaden zufügen.
Ihre zierliche Gestalt wirbt ihnen insgesammt mehr Freunde, als
die meisten von ihnen verdienen. Man theilt die Schläfer in
vier Sippen ein, von denen drei auch bei uns Vertreter haben, während
die vierte Afrika angehört. Die erste Sippe
wird von dem Siebenschläfer oder Bilch (Myoxus
Glis, Glis vulgaris und esculentus, Mus und Sciurus Glis) und einem
Verwandten gebildet. Er gehört zu den Thieren, welche dem Namen
nach weit besser bekannt sind als von Gestalt und Ansehen. Jeder,
welcher sich mit der alten Geschichte beschäftigt hat, kennt
diese Schlafmaus, den besonderen Liebling der Römer, zu dessen
Hegung und Pflegung eigene Anstalten getroffen wurden. Eichen- und
Buchenhaine umgab man mit glatten Mauern, an denen die Siebenschläfer
nicht emporklettern konnten; innerhalb der Umgebung legte man verschiedene
Höhlen an zum Nisten und Schlafen; mit Eicheln und Kastanien
fütterte man hier die Bilche an, um sie zuletzt in irdenen
Gefäßen oder Fässern, »Glirarien«
genannt, noch besonders zu mästen. Wie uns die Ausgrabungen
in Herkulanum belehrt haben, waren die zur letzten Mästung
bestimmten Glirarien kleine, halbkugelige, an den inneren Wänden
terassenförmig abgetheilte und oben mit einem engen Gitter
geschlossene Schalen. In ihnen sperrte man mehrere Siebenschläfer
zusammen und versah sie im Ueberflusse mit Nahrung. Nach vollendeter
Mästung kamen die Braten als eines der leckersten Gerichte
auf die Tafeln reicher Schlemmer. Martial verschmäht nicht,
diese kleinen Thiere zu besingen, und läßt sie sagen:
»Winter, dich schlafen wir durch, und wir strotzen
von blühendem Fette Just in den Monden, wo uns nichts als der
Schlummer ernährt.« Den Siebenschläfer,
einen Bilch von 16 Centim. Leibes- und 13 Centim. Schwanzlänge,
kennzeichnet hauptsächlich die Gestalt seiner Backenzähne,
von denen zwei größere in der Mitte und kleinere vorn
und hinten stehen, und deren Kaufläche vier gebogene, durchgehende
und drei halbe, oberseits nach außen, unterseits nach innen
liegende Schmelzfalten zeigt. Der weiche, ziemlich dichte Pelz ist
auf der Oberseite einfarbig aschgrau, bald heller, bald dunkler
schwärzlichbraun überflogen, an den Seiten des Leibes
etwas lichter und da, wo sich die Rückenfarbe von der der Unterseite
abgrenzt, bräunlichgrau, auf der Unterseite und der Innenseite
der Beine, scharf getrennt von der Oberseite, milchweiß und
silberglänzend. Der Nasenrücken und ein Theil der Oberlippe
zwischen den Schnurren sind graulichbraun, der untere Theil der
Schnauze, die Backen und die Kehle bis hinter die Ohren hin weiß,
die Schnurren schwarz, die mittelgroßen Ohren außen
dunkelgraubraun, gegen den Rand hin lichter. Um die Augen zieht
sich ein dunkelbrauner Ring. Der buschig und zweizeilig be- haarte
Schwanz ist bräunlichgrau, unten mit einem weißlichen
Längsstreifen. Verschiedene Abänderungen kommen vor. Süd-
und Osteuropa bilden das wahre Vaterland des Siebenschläfers.
Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Spanien, Griechenland
und Italien an bis nach Süd- und Mitteldeutschland. In Oesterreich,
Steiermark, Kärnten, Mähren, Schlesien, Böhmen und
Bayern ist er häufig, in Kroatien, Ungarn und dem südlichen
Rußland gemein; im Norden Europas, schon im nördlichen
Deutschland, in England, Dänemark, fehlt er. Er bewohnt hauptsächlich
das Mittelgebirge, am liebsten trockene Eichen- und Buchenwaldungen.
Den Tag über hält er sich verborgen, bald in hohlen Bäumen,
Baumlöchern und Felsklüften, bald in Erdlöchern unter
Baumwurzeln, in verlassenen Hamsterhöhlen, Elstern- und Krähennestern
hausend; gegen Abend kommt er aus seinen Verstecken hervor, streift
nachts umher, sucht sich seine Nahrung, kehrt ab und zu in seinen
Schlupfwinkel zurück, um zu verdauen und auszuruhen, frißt
nochmals und sucht endlich gegen Morgen, ausnahmsweise auch wohl
erst nach Sonnenaufgang, gewöhnlich mit seinem Weibchen oder
einem anderen Gefährten vereinigt, die zeitweilige Wohnung
zum Schlafen wieder auf. Bei seinen nächtlichen Ausflügen
zeigt er sich als ein rascher und lebhafter, behender Gesell, welcher
mit Eichhorngewandtheit auf den Bäumen oder an Felsenwänden
umherklettert, sicher von Zweig zu Zweige oder auch aus der Höhe
zur Tiefe springt und mit kurzen Sätzen rasch umherläuft,
wenn er auf die Erde gelangt. Freilich gewahrt man sein Treiben
bloß an Orten, welche man von vornherein als seine Wohnplätze
kennt; denn sonst verbirgt ihn die Nacht vor den Blicken des Menschen
und vieler anderer Feinde. Wenige Nager dürfen es dem Bilche
an Gefräßigkeit zuvorthun. Er frißt, so lange er
fressen kann. Eicheln, Bücheln, Haselnüsse bilden vielleicht
seine Hauptnahrung, Wallnüsse, Kastanien, süßes
und saftiges Obst werden aber auch nicht verschmäht, und thierische
Kost scheint ihm geradezu Bedürfnis zu sein; wenigstens überfällt,
mordet und verzehrt er jedes kleinere Thier, welches er erlangen
kann, plündert Nester aus, würgt junge Vögel ab,
tritt überhaupt nicht selten als Raubthier auf. Wasser trinkt
er wenig, wenn er saftige Früchte hat, gar nicht. So lange
der Sommer währt, treibt er sich, falls die Witterung nicht
gar zu schlimm ist, allnächtlich in seinem Gebiete umher. Auf
seinen Weidezügen setzt er sich fast alle Minuten einmal nach
Eichhörnchenart auf das Hintertheil und führt etwas mit
den Vorderpfoten zum Munde. Beständig hört man das Knacken
von Nüssen, welche er zerbricht, oder das Fallen von ausgefressenen
Früchten, welche er herabwirft. Gegen den Herbst hin sammelt
er Nahrungsvorräthe ein und speichert diese in seinen Höhlen
auf. Um diese Zeit »strotzt er bereits von blühendem
Fette«, frißt aber noch so lange als möglich; dann
denkt er daran, Herberge für den Winter zu bereiten. Jetzt
macht er sich in tiefen Erdlöchern, Rissen und Spalten, Felsen
und in altem Gemäuer, wohl auch in tiefen Baumhöhlungen,
ein Nest von zartem Moose zurecht, rollt sich, gewöhnlich in
Gemeinschaft mit mehreren seiner Genossen, zusammen und fällt
schon lange vorher, ehe der Wärmemesser auf dem Nullpunkte
steht, in rauheren Gebirgsgegenden bereits im August, in der wärmeren
Ebene erst gegen den Oktober hin, in tiefen Schlaf. Er zeigt nunmehr
die Gefühllosigkeit aller Winterschläfer und ist vielleicht
derjenige, welcher am tiefsten schläft. Man kann ihn ruhig
aus seinem Lager nehmen und wegtragen: er bleibt kalt und regungslos.
Im warmen Zimmer erwacht er nach und nach, bewegt anfänglich
die Gliedmaßen ein wenig, läßt einige Tropfen seines
hellen, goldgelben Harnes von sich und regt sich allmählich
mehr und mehr, sieht aber auch jetzt noch sehr verschlafen aus.
Im Freien wacht er zeitweilig von selbst auf und zehrt ein wenig
von seinen Nahrungsvorräthen, gleichsam ohne eigentlich zu
wissen, was er thut. Siebenschläfer, welche Lenz überwinterte
und in einem kühlen Raume hielt, wachten etwa alle vier Wochen
auf, fraßen und schliefen dann wieder so fest, daß sie
todt schienen; andere, welche Galvagni pflegte, wachten nur alle
zwei Monate auf und fraßen. Im Freien erwacht unser Bilch
erst sehr spät im Frühjahre, selten vor Ende des April.
Somit beträgt die Dauer seines Winterschlafes volle sieben
Monate, und er führt demnach seinen Namen mit Fug und Recht.
Bald nach dem Erwachen paaren sich die Geschlechter, und nach ungefähr
sechswöchentlicher Tragzeit wirft das Weibchen auf einem weichen
Lager in Baum- oder anderen Höhlungen - in der Nähe von
Altenburg sehr häufig in den Nistkästchen der Staare,
welche man vermittels hoher Stangen über und auf den Obstbäumen
aufzustellen pflegt - drei bis sechs nackte, blinde Junge, welche
außerordentlich schnell heranwachsen, nur kurze Zeit an der
Mutter saugen und sich dann selbst ihre Nahrung aufsuchen. Niemals
steht das Nest des Bilch frei auf Bäumen, wie das unseres Eichhörnchens,
wird vielmehr stets nach Möglichkeit verborgen. In Gegenden,
wo es viele Buchen gibt, vermehrt sich der Bilch sehr stark, wie
sein Wohlleben überhaupt von dem Gedeihen der Früchte
abhängt. Viele Feinde thun dem Siebenschläfer übrigens
bedeutend Abbruch. Baummarder und Iltis, Wildkatze und Wiesel, Uhu
und Eule sind wohl seine schlimmsten Verfolger, und wenn er auch
selbst gegen die stärksten Feinde mit vielem Muthe sich wehrt,
sie anschnaubt, wüthend nach ihnen beißt und sogar die
schwachen Krallen bei der Vertheidigung zu Hilfe nimmt: er muß
ihnen doch jedesmal erliegen. Der Mensch stellt ihm da, wo er häufig
ist, theils des Fleisches, theils des Felles wegen, eifrig nach,
lockt ihn in künstliche Winterwohnungen, Gruben, welche man
in Wäldern unter Gebüsch und Felsabhängen, an trockenen,
gegen Mittag gelegenen Orten für ihn herrichtete, verrätherisch
mit Moos ausbettete, mit Stroh und dürrem Laube überdeckte
und reichlich mit Bücheln bestreute, oder richtet andere Fallen
für ihn her. In Bayern fangen ihn die Landleute in gewöhnlichen,
mit Hanfkörnern geköderten Meisenkästen. »Sobald
man«, schreibt mir Dr. Weber, »an den unter den Obstbäumen
liegenden, zerbissenen Früchten das Vorhandensein und schädliche
Wirken eines Siebenschläfers erkundet hat, stellt man den Meisenschlag
wie für einen Vogel in eine Astgabel. Unser Bilch geht dem
Hanfe nach, wirft den Schlag ein, ergibt sich ruhig in die Gefangenschaft
und schläft den Schlaf der Gerechten, anstatt den Kastendeckel
aufzuheben oder die dünnen seitlichen Holzstäbe zu zernagen
und sich so Wege zur Freiheit zu bahnen.« In Unterkrain erbeuten
ihn die Bauern in Schnellfallen, welche sie entweder an den Aesten
aufhängen oder vor den ihnen genau bekannten Schlupfwinkel
des Siebenschläfers aufstellen und mit einer saftigen Birne
oder Pflaume ködern. Außerdem gräbt man theilweise
mit Obst gefüllte Fässer in die Erde, welche oben nur
einen Zugang haben, ein Rohr nämlich, in welchem Eisendrähte
so befestigt werden, daß sie wohl das Hineinschlüpfen,
nicht aber das Herauskommen des Bilches gestatten. Hier fangen sich
die Thiere oft in so großer Menge, daß mancher Jäger
während eines Herbstes zwei- bis vierhundert Stück erbeuten
kann. Der Siebenschläfer wird verhältnismäßig
selten in der Gefangenschaft gehalten. Es läßt sich von
vornherein erwarten, daß ein so großer Fresser geistig
nicht sehr befähigt sein, überhaupt nicht viele gute Eigenschaften
haben kann. Sein Wesen ist nicht gerade angenehm, seine größte
Tugend die Reinlichkeit; im übrigen wird er langweilig. Er
befindet sich fortwährend in gereizter Stimmung, befreundet
sich durchaus nicht mit seinem Pfleger und knurrt in eigenthümlich
schnarchender Weise jeden wüthend an, welcher sich erfrecht,
ihm nahe zu kommen. Dem, welcher ihn ungeschickt angreift, beweist
er durch rasch aufeinanderfolgende Bisse in sehr empfindlicher Weise,
daß er keineswegs geneigt sei, sich irgendwie behelligen zu
lassen. Nachts springt er wie rasend im Käfige umher und wird
schon deshalb seinem Besitzer bald sehr lästig. Er muß
auf das sorgfältigste gepflegt, namentlich gefüttert werden,
damit er sich nicht durch den Käfig nagt oder einen und den
andern seiner Gefährten auffrißt; denn wenn er nicht
genug Nahrung hat, geht er ohne weiteres andere seiner Art an und
ermordet und verzehrt sie ebenso ruhig wie andere kleine Thiere.
Auch die im Käfige geborenen Jungen sind und bleiben ebenso
unliebenswürdig wie die Alten. Der Baumschläfer (Myoxus
Dryas, M. Nitedulae), gewissermaßen ein Mittelglied zwischen
Sieben- und Gartenschläfer, erreicht im ganzen eine Länge
von 17 Centim., wovon etwa die Hälfte auf den Schwanz kommt,
und ist auf dem Kopfe und der Oberseite röthlichbraun oder
bräunlichgrau, auf der Unterseite scharf abgesetzt weiß
gefärbt. Unter den Augen beginnt ein schwarzer Streifen, umfaßt,
sich erweiternd, die Augen und setzt sich bis zu den Ohren fort;
hinter diesen steht ein schmutzig grauweißer Fleck. Der Schwanz
ist oben dunkelbraungrau, in der Spitze etwas lichter, unten weiß.
Vom südlichen Rußland, dem Mittelpunkte seines Heimatkreises,
verbreitet sich der Baumschläfer nach Westen hin bis Ungarn,
Niederösterreich und Schlesien, kommt hier jedoch immer nur
selten vor.

In seiner Lebensweise stimmt er, soviel bis jetzt
bekannt, mit Sieben- und Gartenschläfer im wesentlichen überein.
Die Sippe der Gartenbilche (Eliomys) unterscheidet
sich wenig, hauptsächlich durch ihr Gebiß, von der vorhergehenden.
Bei dem Siebenschläfer schleifen sich die Zähne auf
der Krone flach ab, bei den Gartenschläfern dagegen hohl aus.
Dort hat der erste Backenzahn im Ober- und Unterkiefer sechs, die
drei folgenden unten sieben, die letzte im Oberkiefer acht Querleisten,
hier deren nur fünf. Aeußerlich kennzeichnet die Gartenschläfer
ihr an der Wurzel kurz und anliegend, an der Spitze lang behaarter,
buschiger, zweifarbiger Schwanz. Die Ober- und Unterseiten des Körpers
sind verschiedenfarbig. Der Gartenschläfer,
Gartenbilch oder die große Haselmaus (Eliomys Nitela, Mus,
Sciurus und Myoxus quercinus, Myoxus Nitela) erreicht eine Körperlänge
von höchstens 14 Centim., bei einer Schwanzlänge von 9,5
Centim. Der Kopf ist wie die Oberseite röthlichgraubraun, die
Unterseite weiß. Um das Auge läuft ein glänzend
schwarzer Ring, welcher sich unter dem Ohre bis an die Halsseiten
fortsetzt; vor und hinter dem Ohre befindet sich ein weißlicher,
über demselben ein schwärzlicher Fleck. Der Schwanz ist
in der Wurzelhälfte graubraun, in der Endhälfte zweifarbig,
oben schwarz und unten weiß. Die Haare der Unterseite sind
zweifarbig, ihre Wurzeln grau, ihre Spitzen weiß, bisweilen
schwachgelblich oder graulich angeflogen. Beide Hauptfarben trennen
sich scharf von einander. Die Ohren sind fleischfarbig, die Schnurren
schwarz, weißspitzig, die Krallen lichthornfarben, die oberen
Vorderzähne lichtbraun, die unteren lichtgelb. Schön dunkelschwarzbraune
Augen verleihen dem Gartenschläfer ein kluges, gewecktes Ansehen.
Der Gartenschläfer, welcher schon den alten Römern unter
dem Namen »Nitela« bekannt war, gehört hauptsächlich
den gemäßigten Gegenden des mittleren und westlichen
Europa an: Frankreich, Belgien, die Schweiz, Italien, Deutschland,
Ungarn, Galizien, Siebenbürgen und die russischen Ostseeprovinzen
sind seine Heimat. In Deutschland ist er in manchen Gegenden, z.B.
am Harze, recht häufig. Er bewohnt die Ebene wie das Hügelland,
lieber aber doch Berggegenden, und hier vorzugsweise Laubwaldungen,
obgleich er auch im Schwarzwalde vorkommt und nicht allzuselten
in niederen Gebüschen oder in Gärten sich einstellt. In
der Schweiz steigt er im Gebirge bis in die Nähe der Gletscher
empor. Seine Nahrung ist die des Siebenschläfers; doch holt
er sich aus den Häusern der Bergbewohner Fett und Butter, Speck
und Schinken und frißt junge Vögel und Eier vielleicht
noch lieber und mehr als sein langsamerer Verwandter, den er im
Klettern und Springen unbedingt überbietet. Sein Nest unterscheidet
sich von dem des Siebenschläfers dadurch, daß es frei
steht; doch bezieht er unter Umständen auch Schlupfwinkel im
Gemäuer, alte Rattenlöcher, Maulwurfgänge und andere
Höhlungen im Gestein und in der Erde, bettet sie sich mit weichem
Moose aus und macht sie sich so behaglich als möglich. Alte
Eichhornhorste werden von ihm sehr gern als Wohnung benutzt; im
Nothfalle baut er sich auch selbst ein Nest und hängt dieses
frei zwischen Baumzweige. In der ersten Hälfte des Mai paaren
sich die Geschlechter. Mehrere Männchen streiten oft lebhaft
um ein Weibchen, verfolgen sich gegenseitig unter fortwährendem
Zischen und Schnauben und rasen förmlich auf den Bäumen
umher. So friedlich sie sonst sind, so zänkisch, boshaft, bissig,
mit einem Worte streitlustig, zeigen sie sich jetzt, und die ernsthaftesten
Gefechte werden mit einer Wuth ausgefochten, welche man kaum von
ihnen erwarten sollte: häufig genug kommt es vor, daß
einer der Gegner von dem andern todtgebissen und dann sofort aufgefressen
wird. Nach vierundzwanzigtägiger bis monatlicher Tragzeit wirft
das Weibchen vier bis sechs nackte, blinde Junge, meistens in einem
hübsch zubereiteten, freistehenden Neste, gern in einem alten
Eichhörnchen- oder Raben-, sonst auch in einem Amsel- oder
Drosselneste, welche letzteren unter Umständen gewaltsam in
Besitz genommen und sodann mit Moos und Haaren ausgepolstert, auch
bis auf eine kleine Oeffnung ringsum geschlossen werden. Die Mutter
säugt die Jungen längere Zeit, trägt ihnen auch,
wenn sie schon fressen können, eine hinreichende Menge von
Nahrungsmitteln zu. Kommt man zufällig an das Nest und will
versuchen, die Jungen auszunehmen, so schnaubt die sorgende Alte
den Feind mit funkelnden Augen an, fletscht die Zähne, springt
nach Gesicht und Händen und macht von ihrem Gebisse den allerausgedehntesten
Gebrauch. Merkwürdig ist, daß der sonst so reinliche
Gartenschläfer sein Nest im höchsten Grade schmutzig hält.
Der stinkende Unrath, welcher sich in demselben anhäuft, bleibt
liegen und verbreitet mit der Zeit einen so heftigen Geruch, daß
nicht bloß die Hunde, sondern auch geübte Menschen aus
ziemlicher Entfernung eine solche Kinderwiege wahrzunehmen im Stande
sind. Nach wenigen Wochen haben die Jungen bereits die Größe
der Mutter erreicht und streifen noch eine Zeit lang in der Nähe
ihres Lagers umher, um unter der Obhut und Leitung der Alten ihrer
Nahrung nachzugehen. Später beziehen sie ihre eigene Wohnung,
und im nächsten Jahre sind sie fortpflanzungsfähig. Bei
besonders günstigem Wetter wirft das Weibchen auch wohl zum
zweiten Male in demselben Jahre. Zum Abhalten des Winterschlafes
sucht sich der Gartenschläfer trockene und geschützte
Baum- und Mauerlöcher, auch Maulwurfshöhlen auf oder kommt
an die im Walde stehenden Gehöfte, in Gartenhäuser, Scheuern,
Heuböden, Köhlerhütten und andere Wohngebäude,
um dort sich zu verbergen. Gewöhnlich findet man ihrer mehrere
schlafend in einem Neste, die ganze Gesellschaft dicht zusammengerollt,
fast in einem Knäuel verschlungen. Sie schlafen ununterbrochen,
doch nicht so fest als andere Winterschläfer; denn so oft milde
Witterung eintritt, erwachen sie, zehren etwas von ihren Nahrungsvorräthen
und verfallen erst bei erneuter Kälte wieder in Schlaf. Abweichend
von den übrigen Winterschläfern zeigen sie während
ihres bewußtlosen Zustandes Empfindlichkeit gegen äußere
Reize und geben dies, wenn man sie berührt oder mit einer Nadel
sticht, durch schwache Zuckungen und dumpfe Laute zu erkennen. Selten
erscheinen sie vor Ende Aprils wieder im Freien, fressen nun zunächst
ihre Nahrungsvorräthe auf, und beginnen sodann ihr eigentliches
Sommerleben. Der Gartenschläfer ist ein verhaßter Gast
in Gärten, in denen feinere Obstsorten gezogen werden. Ein
einziger reicht hin, eine ganze Pfirsich- oder Aprikosenernte zu
vernichten. Bei seinen Näschereien zeigt er einen Geschmack,
welcher ihm alle Ehre macht. Nur die besten und saftigsten Früchte
sucht er sich aus, benagt aber oft auch andere, um sie zu erproben,
und vernichtet so weit mehr, als er eigentlich frißt. Es gibt
kein Schutzmittel, ihn abzuhalten; denn er weiß jedes Hindernis
zu überwinden, klettert an den Spalieren und Bäumen hinan,
schlüpft durch die Maschen der Netze, welche über sie
gespannt sind, oder durchnagt sie, wenn sie zu eng gemacht wurden,
stiehlt sich selbst durch Drahtgeflechte. Bloß dasjenige Obst,
welches spät reift, ist vor ihm gesichert; denn um diese Zeit
liegt er bereits schafend in seinem Lager. Da er nun den Menschen
nur Schaden zufügt und weder durch sein Fleisch noch durch
sein Fell den geringsten Nutzen bringt, wird er von Gartenbesitzern,
welche am empfindlichsten von ihm gebrandschatzt werden, eifrig
verfolgt und vernichtet. Die besten Fallen, welche man ihm stellen
kann, sind wohl Drahtschlingen, die man vor den Spalieren aufhängt,
oder kleine Tellereisen, welche man passend aufstellt. Besser als
alle solche Fallen schützt den Garten eine gute Katze vor diesem
zudringlichen Gaudiebe. Marder, Wiesel, Uhu und Eulen stellen ihm
ebenfalls eifrig nach; Gutsbesitzer also, welche dem Walde nahe
wohnen, thuen entschieden wohl, wenn sie diese natürlichen
Feinde nach Möglichkeit schonen. Für die Gefangenschaft
eignet sich der Gartenschläfer ebensowenig als der Bilch. Selten
gewöhnt er sich an den Menschen, und bei jeder Ueberraschung
bedient er sich sofort seiner scharfen Zähne, oft in recht
empfindlicher Weise. Dabei hat er die unangenehmen Eigenschaften
des Siebenschläfers, verhält sich still bei Tage und tobt
bei Nacht in seinem Käfige umher, versucht Stäbe und Gitter
durchzunagen oder durchzubrechen und rast, wenn letzteres ihm gelingt,
im Zimmer herum, daß man meint, es wären wohl ihrer zehn,
welche einander umherjagten. Was im Wege steht, wird dabei umgeworfen
und zertrümmert. Nicht leicht gelingt es, den einmal freigekommenen
Gartenschläfer wieder einzufangen. Am besten ist immer noch
das alte, bewährte Mittel, ihm allerlei hohle Gegenstände,
namentlich Stiefeln und Kasten, welche auf der einen Seite geschlossen
sind, an die Wand zu legen, in der Hoffnung, daß er bei seinem
eilfertigen Jagen in solche laufen werde. Von dem räuberischen
Wesen der Thiere kann man sich an den gefangenen leicht überzeugen.
Sie zeigen die Blutgier des Wiesels neben der Gefräßigkeit
anderer Bilche, stürzen sich mit wahrer Wuth auf jedes kleinere
Wirbelthier, welches man zu ihnen bringt, erwürgen einen Vogel
im Nu, eine bissige Maus trotz aller Gegenwehr nach wenigen Minuten,
fallen selbst über einander her. »Beim Zusammensperren
mehrerer Gartenschläfer«, bemerkt Weber, »hat man
stets darauf zu achten, daß sie erstens fortwährend genügendes
Futter, Nüsse, Bücheln, Obst, Milchbrod, Hanf, Leinsamen
usw., und Trinkwasser haben, und zweitens, daß sie durch mäßige
Wärme des Raumes, in welchem sie sich befinden, wach erhalten,
d.h. vor dem Winterschlafe bewahrt werden. Hunger führt unabwendbar
Kämpfe unter ihnen herbei, deren Ausgang der Tod des einen
und das Aufzehren von dessen Leichnam ist, und der Winterschlaf
wird dem von ihm Bestrickten ebenso verderblich wie dem Besiegten
sein Unterliegen. Verfällt einer von mehreren gemeinsam in
einem Käfige hausenden Gartenbilchen in Winterschlaf, während
die übrigen noch wach sind, so ist er verloren; die sauberen
Genossen machen sich über den Entschlafenen her, beißen
ihn todt und zehren ihn auf. Dasselbe ist der Fall, wenn mehrere
im Winterschlafe liegende Gartenbilche nacheinander munter werden:
der zuerst aufgewachte tödtet dann einen der hülflosen
Schläfer nach dem anderen. Der gewöhnliche Tagesschlaf
wird aus dem Grunde nicht so gefährlich, weil der Ueberfallene
schnell erwacht und seiner Haut sich wehrt. Am hübschesten
nehmen sich gefangene Gartenschläfer aus, wenn man sie in einem
weiten, oben und unten vergitterten und dadurch luftig gemachten
Rundglase unterbringt und ihnen ein Kletterbäumchen herrichtet,
auf welchem sie umherspringen müssen. In gewöhnlichen
Käfigen hängen sie, auch wenn sie munter sind, regelmäßig
an dem Gitter, nehmen hier ungewöhnliche Stellungen an und
verlieren dadurch viel von ihrer Schönheit und Anmuth.«
Die dritte Sippe der Familie, welche die Mäusebilche
(Muscardinus) umfaßt, unterscheidet sich ebenfalls hauptsächlich
durch das Gebiß von den vorigen. Der erste obere Backenzahn
hat zwei, der zweite fünf, der dritte sieben, der vierte sechs,
der erste untere drei und die drei folgenden sechs Querleisten.
Auch sind die Ohren kleiner als bei den vorigen. Der Schwanz ist
seiner ganzen Länge nach gleichmäßig und ziemlich
kurz behaart. In Europa lebt nur eine einzige Art dieser Sippe,
die Haselmaus (Muscardinus avellanarius, Mus avellanarius und corilinum,
Myoxus avellanarius, speciosus und muscardinus), eines der niedlichsten,
anmuthigsten und behendesten Geschöpfe unter allen europäischen
Nagethieren, ebenso ausgezeichnet durch zierliche Gestalt und Schönheit
der Färbung wie durch Reinlichkeit, Nettigkeit und Sanftheit
des Wesens. Das Thierchen ist ungefähr so groß wie unsere
Hausmaus: seine Gesammtlänge beträgt 14 Centim., wovon
fast die Hälfte auf den Schwanz kommt. Der dichte und anliegende,
aus mittellangen, glänzenden und weichen Haaren bestehende
Pelz ist gleichmäßig gelblichroth, unten etwas heller,
an der Brust und der Kehle weiß, Augengegend und Ohren sind
hellröthlich, die Füße roth, die Zehen weißlich,
die Oberseite des Schwanzes ist bräunlichroth. Im Winter erhält
die Oberseite, namentlich die letzte Hälfte des Schwanzes,
einen schwachen, schwärzlichen Anflug. Dies kommt daher, weil
das frische Grannenhaar schwärzliche Spitzen hat, welche sich
später abnutzen und abschleifen. Junge Thiere sind lebhaft
gelblichroth. Mitteleuropa ist die Heimat der kleinen Haselmaus:
Schweden und England scheinen ihre nördlichste, Toskana und
die nördliche Türkei ihre südlichste Grenze zu bilden;
ostwärts geht sie nicht über Galizien, Ungarn und Siebenbürgen
hinaus. Besonders häufig ist sie in Tirol, Kärnten, Steiermark,
Böhmen, Schlesien, Slavonien und in dem nördlichen Italien,
wie sie überhaupt den Süden in größerer Anzahl
bewohnt als den Norden. Ihre Aufenthaltsorte sind fast dieselben
wie die ihrer Verwandten, und auch ihre Lebensweise erinnert lebhaft
an die beschriebenen Schläfer. Sie gehört ebensogut der
Ebene wie dem Gebirge an, geht aber in letzterem nicht über
den Laubholzgürtel nach oben, steigt also höchstens zwei
tausend Meter über das Meer empor. Niederes Gebüsch und
Hecken, am allerliebsten Haselnußdickichte, bilden ihre bevorzugten
Wohnsitze. Bei Tage liegt die Haselmaus irgendwo verborgen und schläft,
nachts geht sie ihrer Nahrung nach. Nüsse, Eicheln, harte Samen,
saftige Früchte, Beeren und Baumknospen bilden diese; am liebsten
aber verzehrt sie Haselnüsse, welche sie kunstreich öffnet
und entleert, ohne sie abzupflücken oder aus der Hülse
zu sprengen. Auch den Beeren der Eberesche geht sie nach und wird
deshalb nicht selten in Dohnen gefangen. Sie lebt in kleinen, nicht
gerade innig verbundenen Gesellschaften. Jede einzelne oder ihrer
zwei zusammen bauen sich in recht dichten Gebüschen ein weiches,
warmes, ziemlich künstliches Nest aus Gras, Blättern,
Moos, Würzelchen und Haaren, und durchstreifen von hier aus
nächtlich ihr Gebiet, fast immer gemeinschaftlich mit anderen,
welche in der Nähe wohnen. Als echte Baumthiere klettern sie
wundervoll selbst im dünnsten Gezweige herum, nicht bloß
nach Art der Eichhörnchen und anderer Schläfer, sondern
auch nach Art der Affen; denn oft kommt es vor, daß sie sich
mit ihren Hinterbeinen an einem Zweige aufhängen, um eine tiefer
hängende Nuß zu erlangen und zu bearbeiten, und ebenso
häufig sieht man sie gerade so sicher auf der oberen wie an
der unteren Seite der Aeste hinlaufen, ganz in der Weise jener Waldseiltänzer
des Südens.

Selbst auf ebenem Boden sind sie noch recht
hurtig, wenn sie auch sobald als möglich ihr luftiges Gebiet
wieder aufsuchen. Ihre Fortpflanzungszeit fällt erst in den
Hochsommer; selten paaren sich die Geschlechter vor dem Juli. Nach
ungefähr vierwöchentlicher Tragzeit, also im August, wirft
das Weibchen drei bis vier nackte, blinde Junge in sein kugelförmiges,
sehr zierlich und künstlich aus Moos und Gras erbautes, innen
mit Thierhaaren ausgekleidetes Sommernest, welches regelmäßig
im dichtesten Gebüsche und etwa meterhoch über dem Boden
zu stehen pflegt. Die Kinderchen wachsen außerordentlich schnell,
saugen aber doch einen vollen Monat an der Alten, wenn sie auch
inzwischen schon so groß geworden sind, daß sie ab und
zu das Nest verlassen können. Anfangs treibt sich die Familie
auf den nächsten Haselsträuchern umher, spielt vergnüglich
und sucht dabei Nüsse. Bei dem geringsten Geräusche eilt
alles nach dem Neste zurück, dort Schutz zu suchen. Noch ehe
die Zeit kommt, wo sie Abschied nehmen von den Freuden des Lichtes,
um sich in ihre Winterlöcher zurückzuziehen, sind die
Kleinen bereits fast so fett geworden wie ihre Eltern. Um die Mitte
des Oktober ziehen sie sich wie letztere in den Schlupfwinkel zurück,
wo sie den Wintervorrath eingesammelt, und bereiten sich aus Reisern,
Laub, Nadeln, Moos und Gras eine kugelige Hülle, in welche
sie sich gänzlich einwickeln, rollen sich zum Knäuel zusammen
und fallen in Schlaf, tiefer noch als ihre Verwandten; denn man
kann sie in die Hand nehmen und in derselben herumkugeln, ohne daß
sie irgend ein Zeichen des Lebens von sich geben. Je nach der Milde
oder Strenge des Winters durchschlafen sie nun ihre sechs bis sieben
Monate, mehr oder weniger unterbrochen, bis die schöne, warme
Frühlingssonne sie zu neuem Leben wach ruft. Es hält schwer,
eine Haselmaus zu bekommen, so lange sie vollkommen munter ist,
und wohl nur zufällig erlangt man sie in dieser oder jener
Falle, welche man an ihren Lieblingsorten aufstellte und mit Nüssen
oder anderer Nahrung köderte. Häufiger erhält man
sie im Spätherbste oder Winter beim Laubrechen und Stöckeroden.
Entweder frei unter dürren Blättern oder in ihrem Neste
liegend und winterschlafend, werden sie mit dem Werkzeuge an das
Tageslicht geschleudert und verrathen sich durch einen feinen, piependen
Laut dem einigermaßen achtsamen Arbeiter, welcher sie, wenn
er sie kennt, dicht in Moos einhüllt, mit sich nach Hause nimmt
und bis auf weiteres einbauert oder einem Thierfreunde überliefert.
Hält dieser sie einmal in der Hand, so hat er sie auch schon
so gut als gezähmt. Niemals wagt sie, sich gegen ihren Bewältiger
zur Wehre zu setzen, niemals versucht sie, zu beißen; in der
höchsten Angst gibt sie bloß einen quietschenden oder
hellzischenden Laut von sich. Bald aber fügt sie sich in das
Unvermeidliche, läßt sich ruhig in das Haus tragen und
ordnet sich ganz und gar dem Willen des Menschen unter, verliert
auch ihre Scheu, doch nicht ihre angeborene Schüchternheit
und Furchtsamkeit. Man ernährt sie mit Nüssen, Obstkernen,
Obst und Brod, auch wohl Weizenkörnern. Sie frißt sparsam
und bescheiden, anfangs bloß des Nachts, und trinkt weder
Wasser noch Milch. Ihre überaus große Reinlichkeit und
die Liebenswürdigkeit und Verträglichkeit, welche sie
gegen ihres Gleichen zeigt, die hübschen Bewegungen und lustigen
Geberden machen sie zum wahren Lieblinge des Menschen. In England
wird sie als Stubenthier in gewöhnlichen Vogelbauern gehalten
und ebenso wie Stubenvögel zum Markte gebracht. Man kann sie
in dem feinsten Zimmer halten; denn sie verbreitet durchaus keinen
Gestank und gibt nur im Sommer einen bisamähnlichen Geruch
von sich, welcher aber so schwach ist, daß er nicht lästig
fällt. Auch in der Gefangenschaft hält die Haselmaus ihren
Winterschlaf, wenn die Oertlichkeit eine solche ist, welche nicht
immer gleichmäßig warm gehalten werden kann. Sie versucht
dann, sich ein Nestchen zu bauen, und hüllt sich in dieses
oder schläft in irgend einer Ecke ihres Käfigs. Bringt
man sie wieder in die Wärme, z.B. zwischen die warme Hand,
so erwacht sie, bald aber schläft sie wieder ein. Dr. F. Schlegel
hat längere Zeit Haselmäuse beobachtet, um den Winterschlaf
zu studiren. Er pflegte das schlafende Thierchen oft auf einen kleinen,
eigens gebauten Lehnstuhl zu setzen, in welchem es sich dann überaus
komisch ausnahm. »Da sitzt sie«, schreibt er mir, »gemächlich
in den Armstuhl gelehnt, eine Pelzkugel, den Kopf auf die Hinterfüße
gestützt, den Schwanz seitwärts über das Gesicht
gekrümmt, mit dem Ausdrucke des tiefsten Schlafes im Gesichte,
die Mundwinkel krampfhaft auf- und eingezogen, so daß die
langen Bartborsten, sonst fächerförmig ausstrahlend, wie
ein langhaariger Pinsel über die Wangen hinauf- und hinausragen.
Zwischen den festgeschlossenen Augen und dem Mundwinkel wölbt
sich die eingeklemmte Wange hervor; die zur Faust geballten Zehen
der Hinterfüße drücken im tiefsten Schlafe so fest
auf die Wange, daß die Stelle mit der Zeit zum kahlen Flecke
wird. Ebenso drollig wie dieses Bild des Schlafes erscheint das
erwachende Thier. Nimmt man es in die hohle Hand, so macht sich
die von da überströmende Wärme gar bald bemerklich.
Die Pelzkugel regt sich, beginnt erkennbar zu athmen, reckt und
streckt sich, die Hinterfüße rutschen von der Wange herunter,
die Zehen der eingezogenen Vorderfüße kommen unter dem
Kinne tief aus dem Pelze heraus zum Vorscheine, und der Schwanz
gleitet langsam über den Leib herab. Und dabei läßt
sie Töne hören wie Pfeifen oder Piepen, feiner noch und
durchdringender als die der Spitzmäuse. Sie zwinkert und blinzelt
mit den Augen, das eine thut sich auf, aber wie geblendet kneift
es der Langschläfer schnell wieder zu. Das Leben kämpft
mit dem Schlafe, doch Licht und Wärme siegen. Noch einmal lugt
das eine der schwarzen Perlenaugen scheu und vorsichtig aus der
schmalen Spalte der kaum geöffneten und nach den Winkeln hin
geradezu verklebten Lider hervor. Der Tag lächelt ihm freundlich
zu. Das Athmen wird immer schneller und immer tiefer. Noch ist das
Gesichtchen in verdrießliche Falten gelegt; doch mehr und
mehr macht sich das behagliche Gefühl der Wärme und des
rückkehrenden Lebens geltend. Die Furchen glätten, die
Wange verstreicht, die Schnurren senken sich und strahlen auseinander.
Da auf einmal, nach langem Zwinkern und Blinzeln, entwindet sich
auch das andere Auge dem Todtenschlafe, der es umnachtete, und trunken
noch staunt das Thierchen behaglich in den Tag hinaus. Endlich ermannt
es sich und sucht ein Nüßchen zur Entschädigung
für die lange Fastenzeit. Bald ist das Versäumte nachgeholt,
und die Haselmaus ist - munter? nein, immer noch wie träumend
mit den Freuden des nahenden Frühlings beschäftigt, und
bald genug gewahrt sie ihren Irrthum, sucht ihr Lager wieder auf
und schläft ein von neuem, fester und fester zur Kugel sich
zusammenrollend.«
Originaltext von Alfred Edmund Brehm: "Thierleben"
1864-69 |